Einen Moment, bitte!

Wie bereitet man sich als Hörbuchsprecher auf das Einlesen eines Textes vor? Welche Herausforderungen galt es bei den Studioaufnahmen zu überwinden? Was sagt der literarische Text der Interpretin, dem Interpreten persönlich? Wie entstehen die Ideen für Hörspiele? Wenn ein neues spannendes Projekt in der Mache ist, lauern wir unseren Sprechern, Autoren und Regisseuren auf, und bekommen wir sie zu fassen, stellen wir ihnen so viele Fragen wie möglich. Klar, wir wollen Insider-Informationen erhaschen, für einen Moment in die Köpfe der Kreativen gucken. Denn logisch, am Schreibtisch und im Aufnahmestudio, an den Orten, an denen die Hörbücher und Hörspiele entstehen, darf nicht gestört werden, pssst, da herrscht höchste Konzentration!



„An den Bruchstellen der Gesellschaft kann man oft die Probleme deutlich erkennen“

Ein Interview mit Stefan Aust

Journalist und Autor Stefan Aust gibt uns in seiner Autobiografie »Zeitreise« sehr persönliche Einblicke in sein Leben und seine journalistische Arbeit, durch die er so nah an den großen zeitgeschichtlichen Ereignissen der vergangenen Jahrzehnte dran war wie kaum ein anderer. Mit uns hat er über seine neuen Hörbücher »Zeitreise« und »Der Baader-Meinhof-Komplex« gesprochen und verraten, wie es war, für seine Autobiografie selbst als Sprecher zu agieren. 

Kurz vor Ihrem 75. Geburtstag erscheint ein persönliches Hörbuch von Ihnen: »Zeitreise«. Darin spiegelt sich ein reiches Leben wider, das zu jeder Zeit mit der bundesdeutschen Geschichte verbunden ist. Wie sind Sie an dieses Projekt herangegangen? 

Stefan Aust: Ein Buch vorzulesen, ist schon eine ziemlich große Aufgabe. Aber wenn es die eigene Geschichte ist, bleibt einem wohl nichts anderes übrig als selbst Stimme zu zeigen. Wenn man einen Text leise für sich liest, geht das ja ziemlich schnell. Wenn man vorliest, muss ja jeder Satz stimmen. Da ich ja für meine Filme immer die Texte selbst gesprochen habe, hatte ich natürlich etwas Übung. Aber wenn ich gewusst hätte, wie lange das dauert und wie anstrengend das ist, hätte ich das Buch vielleicht mit deutlich weniger Seiten geschrieben. Aber am Ende hat es auch Spaß gemacht – und man entdeckt dabei auch noch Fehler im Text oder im Ablauf der Geschichte. 


Gibt es eine Geschichte in Ihrer journalistischen Laufbahn, die Sie besonders geprägt hat? 

Stefan Aust: Wahrscheinlich der Mauerfall und der Untergang der DDR, die Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit einiger Politiker und überhaupt die Wendezeit und die Zeit der Wiedervereinigung. Da waren wir auch sehr privilegiert. Wir hatten mit Spiegel TV eine wöchentliche Sendung und eine ganze Reihe junger, engagierter und hungriger Journalisten. Mit denen habe ich gemeinsam die Sendung gemacht - mit über 4 Millionen Zuschauern jede Woche. Das war eine gewaltige Herausforderung, aber eine irre Zeit. 

Sie sind auch ein erfahrener Sprecher. Aber die Erfahrung, das eigene Buch einzulesen, war vielleicht eine besondere, oder?

Stefan Aust: Man taucht auf eine ganz besondere Weise in den Text ein, man merkt die Schwächen und die Stärken – und manchmal bekommt man auch einen Kloß im Hals. Dann merkt man erst, dass auch ein cool und nüchtern geschriebener Text sehr emotional sein kann.

Sie betonen, sich nie mit einer Sache gemein gemacht zu haben, Ihre Grundhaltung sei skeptisch, Sie wahren Distanz und bewahren einen kühlen Kopf. Wann in Ihrem beruflichen Leben ist Ihnen das am schwersten gefallen – und was kann Sie auch heute noch aus der Fassung bringen?

Stefan Aust: Die Aufgabe des Journalisten ist es, nüchtern und sachlich über seine Themen zu schreiben. Das ist die Basis für Glaubwürdigkeit. Wenn man ein politischer Aktivist ist, fehlt diese Grundlage. Dann weiß jeder Leser sofort, wie die Geschichte laufen wird. Wenn ich etwa für oder gegen Kernkraft auf die Straße gegangen bin, wenn ich Resolutionen unterzeichnet habe, wenn ich in einer Partei engagiert bin, kennt jeder meine Positionen. Wie soll er mir dann noch glauben, dass meine Recherchen mich zu einer bestimmten Betrachtung gebracht haben. Dann weiß er vorher, was drinsteht. Mich bringt so schnell nichts aus der Fassung. Ich wundere mich allerdings häufig, wie angepasst Journalisten heute vielfach sind, wie sie alles glauben, was ihnen die Regierung so erzählt. Inklusive jeder Kehrtwendung. Viele wollen lieber beschreiben, was sein sollte – statt zu beschreiben, was ist.

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Auch ihr großes Standardwerk »Der Baader-Meinhof-Komplex« ist gerade erfolgreich als Audiofassung erschienen. Nach so langer Zeit und als 34-Stunden-Lesung. Was sagen Sie zu dem weiterhin großen Interesse an diesem Thema?

Stefan Aust: An diesem Thema wird eines der Grundprobleme der 68er Generation deutlich. Wie Ulrike Meinhof einmal geschrieben hat, als sie noch Journalistin war: „Vom Protest zum Widerstand“. Und dann ging das für einige weiter in den Untergrund. Es ist die Geschichte einer Generation – obwohl nur wenige diesen Weg gegangen sind. Die RAF hat es ja insgesamt 28 Jahre lange gegeben. Der Krieg der Bürgerkinder, auch eine sehr deutsche Geschichte, wie aus überzogener Moral krasse Unmoral entsteht. Und auch einfach eine wahnsinnig interessante Geschichte.

Oliver Siebeck, der Sprecher von »Der Baader-Meinhof-Komplex«, sagte in einem Interview, „das ist einfach bundesdeutsche Geschichte“ und man verstehe erst durch die Beschäftigung damit, wie wir heute sind. Warum ist es wichtig, dass auch junge Menschen sich mit diesem Kapitel der deutschen Geschichte beschäftigen?

Stefan Aust: An den Bruchstellen der Gesellschaft kann man oft die Probleme deutlich erkennen. Die damals mangelnde Auseinandersetzung der Elterngeneration mit dem Dritten Reich, die Verdrängung der Gräuel, der Neustart 1945, als man von dem, was vorher war, nichts mehr wissen wollte. Der Kalte Krieg zwischen Ost und West. Der real existierende Sozialismus in der DDR, die Befreiungsbewegungen der 3. Welt – alles kumuliert in dieser terroristischen Gruppierung, die neben ihrer politischen Ebene auch eine gewisse religiöse Komponente trug. Und viele dieser Ansätze können Sie auch heute noch bei politischen Gruppierungen erkennen: im Dienste einer höheren Sache alles tun zu dürfen.

Die physische Fassung ist ergänzt um ein Feature mit O-Tönen. Was erwartet die Hörer:innen?

Stefan Aust: Die Feature-Reihe ist meiner Ansicht nach besonders interessant, weil ich darin praktisch alle Interviews verwendet habe, die ich im Laufe von gut 40 Jahren für verschiedene Dokumentationen geführt habe. Es gibt ganz sicher keine einzige Reportage, bei denen so viele direkt Beteiligte zu Wort kommen – allein der Teil über die Befreiung der entführten Lufthansa-Maschine „Landshut“ in Mogadishu wird u.a. von Helmut Schmidt, dem Chef der GSG 9, dem Co-Piloten der Landshut, der Stewardess, Passagieren und der einzigen Überlebenden der Entführer geschildert. Das ist wirklich sehr direkt an den Ereignissen entlang erzählt.

Weitere Informationen zu den Hörbüchern von Stefan Aust finden Sie hier.

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