Einen Moment, bitte!

Wie bereitet man sich als Hörbuchsprecher auf das Einlesen eines Textes vor? Welche Herausforderungen galt es bei den Studioaufnahmen zu überwinden? Was sagt der literarische Text der Interpretin, dem Interpreten persönlich? Wie entstehen die Ideen für Hörspiele? Wenn ein neues spannendes Projekt in der Mache ist, lauern wir unseren Sprechern, Autoren und Regisseuren auf, und bekommen wir sie zu fassen, stellen wir ihnen so viele Fragen wie möglich. Klar, wir wollen Insider-Informationen erhaschen, für einen Moment in die Köpfe der Kreativen gucken. Denn logisch, am Schreibtisch und im Aufnahmestudio, an den Orten, an denen die Hörbücher und Hörspiele entstehen, darf nicht gestört werden, pssst, da herrscht höchste Konzentration!



»So was passiert mir bei Hörbüchern selten«

Interview mit Julia Nachtmann

1. Julia, du hast gerade für uns den neuen Roman von David Grossman „Was Nina wusste“ eingelesen. Was hat dich an diesem Projekt gereizt?

Spannend fand ich zunächst den Autor und die Thematik (drei Frauengenerationen aus einer Familie). Dann hab ich den Text bekommen und angefangen zu lesen. Die Geschichte hat mich von Anfang an derartig gefesselt, dass ich mich einfach nur noch darauf gefreut habe, den unglaublich plastisch gezeichneten Figuren eine Stimme verleihen zu dürfen.

2. Kannst du uns drei Attribute nennen, die für dich dieses Hörbuch charakterisieren?

Eigentlich bräuchte ich mehr als drei Attribute, um das Hörbuch zu charakterisieren. Aber wenn ich mich entscheiden müsste, wären es: emotional, aufwühlend und nachhallend.


Julia Nachtmann © privat

3. Das Buch „Was Nina wusste“ nimmt einen mit auf eine Art Berg- und Talfahrt der Gefühle: Liebe und Hass liegen ganz dicht beieinander und auch Familie ist eigentlich Himmel und Hölle zugleich. Wie ist es dir beim Einlesen des Hörbuchs im Studio ergangen?

Das Besondere an „Was Nina wusste“ war, dass mich die Figuren über den gesamten Zeitraum der Vorbereitung bis einige Tage nach dem letzten Aufnahmetag nicht losgelassen haben. So was passiert mir bei Hörbüchern selten, das kenne ich eher aus meiner Arbeit als Schauspielerin. Und tatsächlich hatte ich am Ende auch ein bisschen das Gefühl, die Geschichte „gespielt“ und nicht „nur“ gelesen zu haben.

4. Gab es weitere besondere Herausforderungen, die dieser literarische Text mit sich gebracht hat? Und wenn ja, wie bist du mit ihnen umgegangen?

Eine der größten Herausforderungen war eindeutig der starke serbokroatische Akzent der Vera, Mutter von Nina und Großmutter von Gili. Im Manuskript heißt es: „Ihr Akzent war stark, ihr Hebräisch merkwürdig … das ist bis heute so, niemand sonst spricht so wie sie“. Vera ist die Schlüsselfigur der Geschichte. Die Folgen ihrer Entscheidungen und ihrer Erlebnisse durchdringen noch zwei weitere Generationen und hinterlassen auch dort ihre Spuren. Es war mir extrem wichtig, für diese Figur eine sprachliche Form zu finden, die zum einen ihren resoluten Charakter hervorhebt, aber gleichzeitig auch Raum für ihre Verletzlichkeit lässt. Dafür hab ich mich mit einer kroatischen Freundin über gerollte Rs und kurze Vokale unterhalten. Außerdem hab ich mich an die Mutter eines Schulkameraden erinnert, die im ehemaligen Jugoslawien aufgewachsen ist. Daraus hat sich in meiner Phantasie eine „Stimme“ für Vera ergeben. Ich hoffe, dass ich ihr damit gerecht geworden bin!

5. Im Zentrum der Handlung stehen drei sehr besondere, faszinierende und eigenwillige Frauenfiguren. Ist dir eine davon besonders ans Herz gewachsen?

Die Antwort auf diese Frage lässt sich eigentlich schon aus meiner vorherigen herauslesen. Aber obwohl mir Vera besonders ans Herz gewachsen ist, gibt es auch Passagen, in denen ich nicht anders kann, als sie zu hassen. Wie kann sie mit einer solchen Schuld leben? Ist sie überhaupt schuldig? Liebe und Hass liegen, gerade in Familien, oft so nah beieinander. Und Schuld ist ein höchst komplexes Gebilde, das sich aus vielen Versatzstücken zusammensetzt und nicht nur aus einer Perspektive gesehen werden kann. Das finde ich hochspannend und zutiefst menschlich.

6. Für wen ist das Hörbuch „Was Nina wusste“ interessant? Wer sollte es hören?

Ich finde, das Hörbuch ist für alle! Und zwar jeden Alters. Jeder von uns hat eine Familie. Jeder von uns wird in dieser Geschichte Verhaltensweisen und -muster wiedererkennen. Besonders spannend finde ich die Frage nach der Schuld. Und die ist losgelöst von Alter, Geschlecht oder Herkunft. Die betrifft uns einfach alle. Auf unterschiedliche Art und Weise, aber dennoch.

Die Fragen stellte Tessa Müller, Leitung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Hörbuch Hamburg

Weitere Interviews:

»A very valuable lesson for students all over the world«Ein Interview mit Morton Rhue
Lesen »

„Ich war immer der Räuber“Ein Interview mit Charly Hübner
Lesen »

Diese Lebendigkeit müssen wir mitnehmenEin Interview mit Stefan Kaminski
Lesen »

„Diese Energie, diese Kraft, das hat mich fasziniert.“Ein Interview mit Christian Berkel
Lesen »

„Ich glaube, ich wäre ganz gerne mit Jessica befreundet gewesen“Ein Interview mit Vanessa Loibl
Lesen »