Einen Moment, bitte!

Wie bereitet man sich als Hörbuchsprecher auf das Einlesen eines Textes vor? Welche Herausforderungen galt es bei den Studioaufnahmen zu überwinden? Was sagt der literarische Text der Interpretin, dem Interpreten persönlich? Wie entstehen die Ideen für Hörspiele? Wenn ein neues spannendes Projekt in der Mache ist, lauern wir unseren Sprechern, Autoren und Regisseuren auf, und bekommen wir sie zu fassen, stellen wir ihnen so viele Fragen wie möglich. Klar, wir wollen Insider-Informationen erhaschen, für einen Moment in die Köpfe der Kreativen gucken. Denn logisch, am Schreibtisch und im Aufnahmestudio, an den Orten, an denen die Hörbücher und Hörspiele entstehen, darf nicht gestört werden, pssst, da herrscht höchste Konzentration!



Ich glaube, ich wäre ganz gerne mit Jessica befreundet gewesen


Schauspielerin Vanessa Loibl hat für uns Jane Gardams Debütroman „Weit weg von Verona“ eingelesen (das Buch ist bereits 1971 in England erschienen und liegt nun in deutscher Übersetzung bei Hanser Berlin vor), wir haben ihr Fragen gestellt.

Hörbuch Hamburg: Jessica Vye ist die eigensinnige Heldin von Jane Gardams Debütroman Weit weg von Verona, der nun endlich auf Deutsch und auch als Hörbuch erschienen ist. Jessica sagt von sich, sie sei nicht besonders beliebt, wärst Du früher gerne mit ihr befreundet gewesen?

Vanessa Loibl: Also langweilig wäre es mit Jessica als Freundin bestimmt nicht geworden! Auch wenn ihre draufgängerische Art für ihr Umfeld nicht selten ganz schön strapaziös, aufregend und anstrengend ist. Mit einem Mädchen befreundet zu sein, das sich nicht anpassen will und das, wenn es das für richtig hält, schon auch mal ohne Rücksicht auf Verluste handelt, hat Vorteile, vor allem, wenn man selbst eher zurückhaltend ist. Ja, ich glaube, ich wäre ganz gerne mit Jessica befreundet gewesen, ihr Witz und ihr immer wieder unter Beweis gestellter Mut machen sie sehr sympathisch.

Hörbuch Hamburg: Jessica findet eigentlich fast alles ganz fürchterlich, fällt von einem Stimmungshoch in ein absolutes Stimmungstief und wiederspricht sich ständig. Kannst Du Dich daran erinnern, wie Du als Dreizehnjährige warst? Und fiel es Dir leicht, Dich beim Lesen in dieses Mädchen hineinzuversetzen?

Vanessa Loibl: Was ich mit Jessica als Dreizehnjährige gewiss gemeinsam hatte, war eine gewisse Direktheit der Sprache, also Gedanken spontan auszudrücken, ohne lange über die möglichen Konsequenzen des eben Gesagten nachzudenken. Ich bin mit meinen beiden Brüdern bei meinem Vater groß geworden, angesichts einer solchen Familienkonstellation war es sehr wichtig, meinen Standpunkt eindeutig und bestimmt zu vertreten und ihn möglichst oft auch durchzusetzen. So habe ich also auch meine Meinung immer ungefiltert kundgetan und die Dinge beim Namen genannt. Deshalb ist es mir letztlich auch ziemlich leicht gefallen, zu Jessica relativ schnell einen Draht zu finden und mich in sie, in ihre Gedankenwelt, hineinzuversetzen. Ja, es gibt durchaus Parallelen zwischen Jane Gardams Protagonistin und mir als Dreizehnjährige. Nochmals dreizehn Jahre alt sein möchte ich aber nicht mehr!


© HHV

Hörbuch Hamburg: Schauspielerin Johanna Schwertfeger hat in einem Interview erzählt, sie hätte sich beim Sprechen einer schwangeren Frau ins Gedächtnis gerufen, dass diese Frau in ihrer Situation anders atmet. Sie muss ja ein Kind mit sich herum tragen. Wie bereitet man sich auf das Sprechen einer Dreizehnjährigen vor, die schier platzt vor lauter Einfällen und Ideen?

Vanessa Loibl: Jessica wurde für mich schon beim ersten Lesen des Romans sehr greifbar. Ich hatte schnell das Gefühl, sie zu verstehen, auch zu verstehen, was sie in der jeweiligen Situation so und nicht anders reagieren lässt. Wie Jane Gardam das sehr impulsiv und spontan denkende und handelnde Mädchen beschreibt, rief in mir sofort ein Gefühl für diese Figur hervor. Dazu kommt auch, dass ich bereits öfter für jüngere Rollen besetzt worden bin, sowohl im Theater als auch für Hörspiele. Die jüngste Figur, die ich einmal gesprochen habe war ungefähr sieben Jahre alt. Und ich habe meine jüngeren Geschwister, beide etwa im gleichen Alter wie Jessica, noch ein bisschen genauer „analysiert“.

Hörbuch Hamburg:  Jessica hat den festen Wunsch, Schriftstellerin zu werden. Wann wusstest Du, dass Du Schauspielerin werden willst, und wie waren Deine Anfänge auf der Bühne?

Vanessa Loibl: Schauspielerin zu werden stand für mich schon sehr früh fest. Ich habe mit zehn Jahren meine ersten Dreherfahrungen gesammelt und war immer in der Theater-AG meiner Schule, eines musischen Gymnasiums, aktiv. Nach meinem Abitur habe ich dann Schauspiel an der Universität der Künste in Berlin studiert und bin von dort direkt vom Staatstheater Hannover engagiert worden. Meine Anfänge waren also genau genommen in einem kleinen Theaterkeller im Untergeschoss einer Schule mit dreißig Plätzen, Jahre später, vor hunderten von Leuten in einer Hauptrolle zu debütieren, das war dann definitiv schon etwas anderes.

Hörbuch Hamburg: Was ist für Dich das Besondere an diesem Hörbuch, an dieser Geschichte? Wer sollte diese Lesung hören und warum?

Vanessa Loibl: Schon beim ersten Lesen des Romans bereitete er mir großes Vergnügen. Und ich hoffe natürlich, dass es möglichst vielen Menschen mit dem Hörbuch nicht anders ergeht, – dass sie sich von  Jessica mit in deren Welt nehmen lassen. Ich verlor schon beim Lesen des Romans und mehr noch bei den Tonaufnahmen ganz schnell das Gefühl für Zeit, so lebendig und so witzig erlebt man diese Geschichte, die sich meines Erachtens nicht an eine bestimmte Zielgruppe richtet, sondern ein Hörbuch geworden ist, an dem alle ihre Freude haben können. Vor allem ist es auch eine Geschichte, in der Witz und Humor keinesfalls zu kurz kommen. So gibt es für mich eine Reihe von Szenen, bei denen ich einfach lachen musste, die mich auf der Seite  aber auch sehr berührten.

Die Fragen stellten Silke Nastoll und Tessa Müller.

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