Einen Moment, bitte!

Wie bereitet man sich als Hörbuchsprecher auf das Einlesen eines Textes vor? Welche Herausforderungen galt es bei den Studioaufnahmen zu überwinden? Was sagt der literarische Text der Interpretin, dem Interpreten persönlich? Wie entstehen die Ideen für Hörspiele? Wenn ein neues spannendes Projekt in der Mache ist, lauern wir unseren Sprechern, Autoren und Regisseuren auf, und bekommen wir sie zu fassen, stellen wir ihnen so viele Fragen wie möglich. Klar, wir wollen Insider-Informationen erhaschen, für einen Moment in die Köpfe der Kreativen gucken. Denn logisch, am Schreibtisch und im Aufnahmestudio, an den Orten, an denen die Hörbücher und Hörspiele entstehen, darf nicht gestört werden, pssst, da herrscht höchste Konzentration!



„Sie hat mit aller Verzweiflung, Lust und Freude geliebt, gekämpft und gefeiert“

Ein Interview mit Anne Ratte-Polle

Schauspielerin Anne Ratte-Polle hat „Das Leben ist ein Fest“ von Claire Berest als Hörbuch eingelesen. Die Faszination an der Ausnahmekünstlerin Frida Kahlo ist auch über ein halbes Jahrhundert nach ihrem letzten Pinselstrich ungebrochen. Im Interview erzählt uns die Sprecherin, warum das so ist und was dieses Hörbuch so besonders macht.

In dieser Romanbiografie sind die einzelnen Kapitel nach Farben unterteilt. Saphirblau, Karmesinrot, Buttergelb. Auch der französische Originaltitel des Buches sagt „nichts ist schwarz“. Was, denken Sie, wollte die Autorin damit über die Malerin ausdrücken? 

Anne Ratte-Polle: Der Roman ist abgeleitet von Frida Kahlos gemalten Tagebuch, in dem sie in poetischer Form Farben in ihrer Wirkung und Kraft beschreibt. Mir gefällt dieser Zugriff der Autorin auf Frida Kahlos Gedanken- und Gefühlswelt sehr, da sie als Malerin natürlich in Farben denkt, um ihr Innenleben und ihre Sicht auf die Welt zu verarbeiten, zu ordnen und zum Ausdruck zu bringen.
Ihren Ausdruck ,Nichts ist schwarz‘ mag ich besonders gerne, da die Farbe Schwarz die Abwesenheit von Licht bedeutet.
Frida Kahlo hat ein sehr bewegtes Leben gehabt, hat sehr viel Glück und sehr viel Unglück erfahren. Ihre Gabe, Leid in eine positive und produktive Kraft umzuwandeln, entspricht diesem Ausdruck, ,Nichts ist schwarz‘. 
Ohne jeden Kitsch bringt der Roman dem Leser oder Hörer nahe, wie sehr sich Frida Kahlo dem Leben in jeder Situation hingegeben und ausgeliefert hat,- wie sehr sie mit aller Verzweiflung, Lust und Freude geliebt, gekämpft und gefeiert hat.  


Es gibt bereits viele Filme und Bücher über Frida Kahlo und sie findet sich verstärkt auch in der Popkultur wieder. Was haben Sie Neues über Frida Kahlo gelernt? Hat dieses Hörbuch Ihr Frida-Kahlo-Bild verändert? 

Anne Ratte-Polle: Dieses Buch bringt den Leser in der Form eines Romans auf sehr intime Art und Weise einer möglichen Frida Kahlo nahe. Diese erzeugte Intimität lässt einen tief blicken in eine Haltung zum Leben, zur Liebe, zur Sexualität, zum Frau-sein, zum Mann-sein, ihrem Zwiespalt damit, da sie beides in sich gleichermaßen fühlte, sowie ihre Haltung zur Malerei, zur jeweiligen politischen Situation innerhalb und außerhalb Mexikos, zu ihren Zeitgenossen, zur Familie, zur Kultur Mexikos, zum Feiern, zum Genuss, zum Leben und zum Tod.
In besonderer Art und Weise wird das Bild einer absolut modernen, freigeistigen und emanzipierten Frau gezeigt, in ihrer Stärke, ihrer Schwäche und mit ihrem Humor. Das Bild, einer Ikone, eines Idols, das sie war und für immer sein wird. Dieser für mich neue Einblick hat mir persönlich sehr viel Kraft gegeben. Gerade als Frau, in unserer Zeit, fast ein Jahrhundert später, kann man von ihrem Mut, ihrem Humor und ihrer Absolutheit sehr viel Kraft und Inspiration schöpfen.

Wie haben Sie sich auf die Aufnahmen für dieses Hörbuch vorbereitet? 

Anne Ratte-Polle: Ich war 2004 auf einem Gastspiel als ,Medea‘ in Mexico-City und mein einziger Gedanke war, ich muss unbedingt das Haus von Frida Kahlo besichtigen. Dieser Besuch hat bei mir einen sehr starken Eindruck hinterlassen. Bis heute bewahre ich die Souvenirs von diesem Ort und dieser Reise auf. Diese habe ich zur Vorbereitung als erstes ausgepackt und auf meinen Schreibtisch gelegt. Eine kleine mexikanische ,La Catrina‘-Figur war darunter, die symbolisch für den Tag der Toten in Mexiko steht. So habe ich angefangen, das Buch mehrere Male zu lesen, zeitgenössisches Material auf Youtube zu googeln und natürlich immer und immer wieder ihre tollen Bilder anzusehen, sowie Fotografien von ihr.

Wir begleiten die Künstlerin auf ihrem Weg von Mexiko, in die USA und nach Paris. Inwieweit ist dieses Hörbuch auch ein Portrait der Zeit, in der Frida Kahlo gelebt hat? 

Anne Ratte-Polle: Das Hörbuch ist ein Portrait ihrer Zeit, da es einen besonderen Einblick in die politischen Unruhen dieser Zeit, dem Kampf des Kommunismus gegen den aufkommenden Faschismus gewährt. Man erhält einen Einblick in die Arbeit und Kunstauffassung der kommunistisch geprägten Muralisten in Südamerika, sowie in das Leben der surrealistischen Kunstszene in Paris und New York. Ihr Blick auf diese Szene, in der natürlich der männliche Künstler die absolute Vormachtstellung gegenüber der weiblichen Künstlerin innehatte, ist besonders unterhaltsam.

Was macht dieses Hörbuch, die Art, wie die Geschichte der Malerin erzählt wird, so besonders?

Anne Ratte-Polle: Dieser Roman ist hauptsächlich eine Liebesgeschichte an das Leben, aber auch an ihren Mann Diego Rivera. Aus heutiger Sicht fragt man sich des öfteren, welche Frau würde heutzutage so ein machohaftes Verhalten, wie das von Rivera noch mitmachen. Gleichzeitig zeigt es eine Frau, die sich zu dieser Liebe mit aller Bewusstheit entschlossen hat, die sich zu dieser Liebe entschlossen hat, diesen Mann haben wollte.
Eine Frau, die es nicht immer nur genossen hat, aber für sich in Anspruch genommen hat, dieselbe Freizügigkeit zu leben wie ihr Mann, auch wenn sie es, im Gegensatz zu ihm, heimlich machen musste. Beide haben ihre politische Haltung immer wieder mit sehr viel Rückgrat zum Ausdruck gebracht, in ihren Werken und sehr provokant mit viel Humor auf elitären Abendessen, Ausstellungen und Veranstaltungen.
Fridas letztes Bild sind Wassermelonen und es heißt: Viva la vida. Lebe das Leben. Diego Rivera ist drei Jahre später gestorben, auch sein letztes Bild sind Wassermelonen.

Gab es ein Erlebnis, eine Episode im Hörbuch, die noch lange nachgeklungen ist? 

Anne Ratte-Polle: Es gibt sehr viele Episoden, die immer wieder in meinem Kopf nachklingen. Eine Szene lässt mich immer wieder neu schmunzeln und staunen.
In geselliger Runde mit André Breton, seiner Frau Jacqueline Lamba, und ca. 10 weiteren männlichen Surrealisten wird ein Spiel gespielt, bei dem möglichst indiskrete Fragen gestellt werden. Bei Nichtbeantwortung folgt eine Strafe. Frida Kahlo weigert sich, die Frage nach ihrem Alter zu beantworten und Breton verleiht ihr daraufhin die Strafe, sich mit dem Stuhl auf dem sie sitzt, vor aller Augen zu befriedigen. Ihre Reaktion darauf ist unbeschreiblich.

Wen spricht dieses Hörbuch an, wer sollte es gehört haben?

Anne Ratte-Polle: Dieses Hörbuch spricht natürlich Frauen, aber auch Männer jeder Altersstufe an. Es spricht Kunstinteressierte, aber auch reine Unterhaltungsinteressierte an. Es ist ein feministisches und politisches und deshalb sehr wichtiges Buch in der heutigen bewegten Zeit, in der wieder einmal sehr vieles im Umbruch ist: politisch, gesellschaftlich und kulturell. Es gibt Kraft, Erquickung und gute Laune für jeden modernen Geist.

Weitere Informationen zur ungekürzten Lesung von Das Leben ist ein Fest“ mit Anne Ratte-Polle finden Sie hier.

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