Nino Haratischwili »Das mangelnde Licht«

pondus_product - 6409
Kabst2

Ein Hörbuchtipp von Sprecherin Simone Kabst

»Das mangelnde Licht« – ein so passender Titel, der sich beim Hören immer mehr erschließt.

Wie sind wir doch abhängig vom Licht, das uns wärmt, die Dinge um uns herum beleuchtet, uns erhellt, unsere Stimmung beeinflusst. Was passiert mit uns, wenn das Licht fehlt, wenn es uns an den alltäglichen Dingen mangelt, wie Brot, Heizmaterial oder menschliche Nähe? Was, wenn Freundschaft zu unserer Sonne wird?

Im Hörbuch »Das mangelnde Licht« tauchen wir ein ins Georgien – in „das gesegnete Land“ – der 1990iger Jahre, in die Zeit nach dem Ende des kalten Krieges.

Wir dürfen uns mit der Ich-Erzählerin Keto gemeinsam erinnern, an eine Kindheit im Hinterhof von Tbilissi, an schrullige Nachbarn, an Überlebenskünstler des sozialistischen Alltags, an zarte Mädchenfreundschaften, an skurrile Feste mit ersten Küssen, an die Macht von Familienbanden und an die ersten Schritte heraus aus der Jugend ins „wahre Leben“.

Vier Mädchen, so unterschiedlich, wie man es sich nur vorstellen kann, befreunden sich in diesem Hof und teilen Schulstunden, unternehmen erste gemeinsame Ausflüge in ihrer Heimatstadt, machen Unsinn, teilen Sorgen und stehen füreinander ein. Doch eines Tages dann passiert das Unfassbare: Wie soll ein Mord, der vor den eigenen Augen geschieht, verarbeitet werden, integriert ins eigene Dasein?

Die Autorin Nino Haratischwili hat einen Teil ihrer eigenen Kindheit in Tbilissi erlebt. Sie schildert die Stadt und die Mentalität ihrer Bewohner so lebendig, dass in mir während des Lesens der starke Wunsch aufkam, diese Stadt sofort besuchen zu müssen.

Was diese vier Mädchen auf ihrem Weg ins Erwachsenwerden durchleben, in einer Zeit des politischen Umbruchs, hat mich stark bewegt. Die Zeit nach der Maueröffnung habe ich als „Kind der DDR“ als große Möglichkeit für eine persönliche Zukunft erleben dürfen: freie Berufswahl, leben wie und wo ich will, reisen ohne Beschränkungen, materielle Fülle, Selbstbestimmung. All das müssen Keto und ihre Freundinnen sich erkämpfen, teils mit Erfolg, teils ohne.

Nino Haratischwili schafft so lebendige Figuren, voller Widersprüche und Eigenheiten. Man entwickelt große Sympathien für sie, schüttelt den Kopf über ihr Verhalten, leidet, fiebert und freut sich mit ihnen. Die Dialoge sind sehr plastisch geschrieben, so dass ich beim Einlesen des Romans den Figuren leicht Leben einhauchen konnte. Eine große Freude war das.

Ihre Geschichten sind aber auch eine Geschichte über Emanzipationsvorgänge: Wie grenze ich mich ab von überholten Traditionen, von falschen Vorstellungen der Familienehre? Wie kann ich meinen eigenen Lebensweg finden in Bezug zur Gesellschaft, in der ich lebe?

Das Licht dieses Romans ist groß, es hat mich erhellt, die Figuren haben mich erwärmt. Der letzte Satz heißt: „Es ist hell geworden.“ Und genau so ist es.

pondus_product - 6409
  • Prämiert
  • Tipp
Nino Haratischwili
Gelesen von Simone Kabst

Der große neue Roman der preisgekrönten Autorin Nino Haratischwili 

Das letzte Jahrhundert neigt sich dem Ende entgegen und in Georgien werden die Stimmen, die eine Ablösung vom ehemals allmächtigen Riesen fordern, lauter. In dieser Zeit wachsen vier unterschiedliche Mädchen – Dina, Ira, Nene und Qeto – in Tiblisi auf. Sie erleben die erste große Liebe, die mit der Unabhängigkeit des Landes aufbrandende Gewalt und Knappheit – und die Gespaltenheit einer jungen Demokratie in Aufruhr, die einen Keil in ihre Familien treibt. Allem zum Trotz scheint ihre Freundschaft unzerbrechlich, bis ein unverzeihlicher Verrat und ein tragischer Tod sie schließlich doch auseinandersprengt. Erst eine Ausstellung 2019 in Brüssel bringt die Freundinnen wieder zusammen und Vergebung scheint möglich.

»Das mangelnde Licht« ist die Geschichte eines verlorenen Landes und einer verlorenen Generation, einer Revolution, die ihre Kinder frisst, die Geschichte einer Freundschaft, die dem Tod trotzt, eines Phantomschmerzes, eines Kampfes mit sich und der Welt, eines Ringens mit dem Schicksal. Und es ist eine Hommage an Georgien, an die Stadt Tbilissi und ihre Menschen, eine Liebeserklärung durch die Zeiten hindurch.

ab
30,00 €