Einen Moment, bitte!

Wie bereitet man sich als Hörbuchsprecher auf das Einlesen eines Textes vor? Welche Herausforderungen galt es bei den Studioaufnahmen zu überwinden? Was sagt der literarische Text der Interpretin, dem Interpreten persönlich? Wie entstehen die Ideen für Hörspiele? Wenn ein neues spannendes Projekt in der Mache ist, lauern wir unseren Sprechern, Autoren und Regisseuren auf, und bekommen wir sie zu fassen, stellen wir ihnen so viele Fragen wie möglich. Klar, wir wollen Insider-Informationen erhaschen, für einen Moment in die Köpfe der Kreativen gucken. Denn logisch, am Schreibtisch und im Aufnahmestudio, an den Orten, an denen die Hörbücher und Hörspiele entstehen, darf nicht gestört werden, pssst, da herrscht höchste Konzentration!



„Diese Energie, diese Kraft, das hat mich fasziniert.“

Ein Interview mit Christian Berkel

Berlin 1932: Sala und Otto sind dreizehn und siebzehn Jahre alt, als sie sich ineinander verlieben. Er stammt aus der Arbeiterklasse, sie aus einer intellektuellen jüdischen Familie. 1938 muss Sala ihre deutsche Heimat verlassen, während Otto als Sanitätsarzt mit der Wehrmacht in den Krieg zieht. Mit großer Eleganz erzählt Christian Berkel den spannungsreichen Roman seiner Familie. Er führt über drei Generationen von Ascona, Berlin, Paris, Gurs und Moskau bis nach Buenos Aires. Für uns hat der Autor das Hörbuch zu seinem Roman „Der Apfelbaum“ selbst eingelesen und sich einigen Fragen gestellt.

Um gleich einmal mit einem schönen Bild anzufangen: Wann war für Sie der Zeitpunkt gekommen, das „Kleid der Buchstaben“ anzuziehen, wie Sie in Ihrem Roman an einer Stelle schreiben?

Ja, das ist ein Bild von Sala, einer meiner Hauptfiguren, die irgendwann sagt: „Am liebsten würde ich mich in ein Kleid von Buchstaben hüllen.“ Also eigentlich hat das vor ungefähr acht Jahren begonnen, dass ich anfing ernsthaft zu recherchieren und auch Bücher über diese Zeit, der Roman spielt von Anfang des 20. Jahrhunderts bis zum Ende der fünfziger Jahre, zu lesen. Daraus entstanden ist dann schließlich dieser Roman, der eine Autofiktion ist, also eine Mischung aus biografischen und erfundenen Dingen. Wobei das Biografische an diesem Buch eigentlich nur so etwas wie der Handlungsfaden ist: also wer hat sich wann wo aufgehalten, wann kommt Sala ins Internierungslager nach Gurs, wann Otto, die männliche Hauptfigur, in russische Gefangenschaft und so weiter. Diese Art von Daten und Fakten habe ich der Biografie meiner Eltern entliehen.


© Gerald von Foris

Die Frage nach dem Wirklichkeitsgehalt in diesem Roman erübrigt sich damit, diese hätten wir als nächstes gestellt.

Ich finde diese Frage nach der Wirklichkeit in der Fiktion schwierig. Nehmen Sie die „Buddenbrooks“ von Thomas Mann, man weiß, dass seine Familie Vorbild für diese Figuren war, oder Marcel Prousts „ Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, da gibt es für nahezu jede Figur eine Entsprechung in Prousts Umfeld – man wird feststellen: Die Fiktion hat ihren Ausgangspunkt immer in der Wirklichkeit, zumindest in der Literatur, die ich schätze.
So ist für mich auch die Frage nach dem Autobiografischen unwichtig. Wenn ich z.B. als Schauspieler eine Figur spiele, womit füttere ich sie dann? Selbstverständlich mit meinen Emotionen und Erfahrungen. Und da, wo meine Erfahrungen eventuell nicht ausreichen, muss ich sie entsprechend vergrößern. Nehmen wir ein simples Beispiel, wenn ich einen Mörder spiele, kann ich ja nicht schnell jemanden umbringen, um die Erfahrung gemacht zu haben, aber ich muss an den Punkt einer mörderischen Aggression gehen, um mir vorstellen zu können, was in so einem Menschen vorgeht, und muss versuchen, diese Emotion entsprechend zu vergrößern. Man geht immer wieder von sich aus, so ist das beim Spielen auf der Bühne oder vor der Kamera, aber so ist das auch beim Schreiben.

In Ihrem Roman nimmt die Zeit während des Dritten Reiches einen großen Raum ein. Können Sie erklären, woher Ihr Antrieb kam, sich schreibend mit dieser Zeit so intensiv auseinanderzusetzen?

Mir ging es wahrscheinlich wie allen Menschen meiner Generation: Egal, auf welcher Seite unsere Eltern im Dritten Reich standen – Täterseite, Opferseite – , sie haben mit uns nicht über diese Zeit gesprochen, das war tabu.
An einer Stelle im Buch beschreibe ich es auch: Man fühlte sich wie jemand, der in diesem Zusammenhang von Alzheimerkranken oder Dementen erzogen worden ist, also von Menschen, die nicht mehr über diese Zeit sprechen konnten. Wahrscheinlich wollten sie es auch nicht.
Das war vielleicht am Anfang der Motor, diesen Roman schreiben zu wollen, weil ich es bei mir selbst merkte, bei Freunden, aber auch bei Bekannten, die Familiengeschichten  unserer Generation erinnern in ihrer Lückenhaftigkeit an einen Schweizer Käse.
Ich fing also an, immer mehr darüber wissen zu wollen, weil ich keine Lust hatte, wie ein Buch durch das Leben zu laufen, aus dem man einzelne Kapitel herausgerissen hat. So entstand auch der Gedanke, die eigene Geschichte selbst neu erfinden zu müssen, weil ich sie eben wirklich zu einem großen Teil nicht kannte.

Nun ist dieser Roman kein Roman über das Dritte Reich, in diesem Buch geht es um viel mehr. Da geht es unter anderem um drei Generationen einer Familie und eine große Liebesgeschichte und vor allem um ganz allgemeinmenschliche, ganz existenzielle Fragen. Was hat Sie an dem Stoff, den Sie da in Ihrem Roman verarbeiten, am meisten gereizt, was waren die großen Themen für Sie?

Das Thema der Identitätssuche, das ich gerade angesprochen habe, spielt in meinem Roman  eine wichtige Rolle. Dieses biografische Gefühl, immer ein bisschen zwischen den Stühlen zu sitzen, zwischen Deutschland und Frankreich, zwischen zwei Kulturen, zwei Sprachen und auch zwischen zwei Religionen, hat mich immer beschäftigt.
Und dann ging es mir tatsächlich um diese besondere Zeit des 20. Jahrhunderts, um die Menschen, die diese Zeit erlebt haben. Mein Roman spannt den Bogen vom frühen 20. Jahrhundert bis zum Ende der 50er Jahre. Es gibt ein Buch von Eric Hobsbawm, einem englischen Historiker, das sich mit dem 20. Jahrhundert beschäftigt: „Das Zeitalter der Extreme“. Historisch gesehen reicht für ihn dieses Jahrhundert von 1900 und etwas, also kurz vor dem ersten Weltkrieg, bis 1989: ein kurzes Jahrhundert zerrissen durch zwei fürchterliche Weltkriege. Was mich gereizt hat, waren die Fragen: Wie verhalten sich Menschen in diesen Situationen? Ja, wie überleben sie überhaupt? Und was mich bei dieser Generation immer fasziniert hat: Das sind Stehaufmännchen. Sie stürzen in Abgründe hinein, und wenn man denkt, okay, da geht jetzt wirklich gar nichts mehr, ziehen sie sich am eigenen Schopf wieder hoch. Diese Energie, diese Kraft, das hat mich fasziniert.

Wie zum Beispiel Sala und Otto, die es ja sogar geschafft haben, ihre Liebe durch diesen Wahnsinn des Dritten Reiches hindurch zu retten.

Ja. Ein weiteres Thema, das mich sehr gereizt hat, war das Thema des ungleichen Liebespaares. Also eine Geschichte zu erzählen über zwei Menschen, die sogar nach ihrem eigenen Gefühl gar nicht unbedingt zusammen passten, aber trotzdem, mit der Unterbrechung des Krieges, ein ganzes Leben miteinander verbringen, bis der Tod sie scheidet.

Eigentlich auch während des Krieges, denn man verbringt ja auch die Zeit miteinander in der Abwesenheit des anderen.

Sicher. Es gibt ja diese Idealvorstellung eines Paares, das immer gleich empfindet, auf alles gleich reagiert, so eine Art Geschwisterliebe, obwohl das bei Geschwistern ja auch nicht so ist, in der Freundschaftsliebe vielleicht. Aber wenn zwei Menschen sich extrem anziehen, gibt es auch immer Momente, in denen sie sich abstoßen. Ich meine das nicht im Sinne, dass sie sich abstoßend finden, sondern, dass sie sich buchstäblich auch wieder voneinander abkehren, sich lösen. Und dieses Lebensmodell zu untersuchen, darüber zu schreiben, das hat mich auch sehr gereizt. 

Wie kann man sich den Schreibprozess an diesem Roman vorstellen? Wie arbeiten Sie? Hatten Sie feste Schreibzeiten oder waren bestimmte Rahmenbedingungen für Sie wichtig, um schreiben zu können?

Schreiben braucht Disziplin, aber die ist mir zum Glück nicht fremd, die braucht man ja als Schauspieler auch. Da kann man ja auch nicht morgens zum Set kommen und sagen, heute ist mir nicht danach. Mir war also klar, du setzt dich da hin und schreibst. Ich musste nur herausfinden, wann die beste Zeit dafür ist, und das war bei mir am Morgen, wenn der Kopf ausgeruht ist. Und ich habe relativ schnell gemerkt, ich brauche viele Stunden hintereinander. Immer, wenn ich angefangen habe zu schreiben, war ich noch zu bewusst, hatte eine Vorstellung von einer Szene, wollte Figuren beschreiben und so weiter, gut wurde es aber erst, wenn ich diese Ebene verlassen habe, ohne sie bewusst zu verlassen. Es passiert dann, wie eine Art Flow, bei dem nicht mehr ich schreibe, sondern es schreibt. Wo dieses ganze Zielgerichtete verschwindet – das sind die Glücksmomente.

Das heißt, die Handlung, die Figuren haben zum Teil auch so eine Art Eigendynamik während Ihres Schreibens entwickelt?

Für mich gibt es zwei Ebenen. Das Handwerkliche – wie funktionieren Übergänge, wie funktionieren Szenen und so weiter – , das ist die eine Ebene. Aber wie schaffe ich es auf der anderen Ebene das, was innerhalb dieses Vorgangs geschieht, nicht zu kontrollieren. Es braucht beim Schreiben, wie wohl bei jedem anderen künstlerischen Prozess, diese merkwürdige Mischung aus Kontrolle und Nicht-Kontrolle; dann kann es etwas werden.

Mehr Informationen zum Hörbuch finden Sie hier.

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