Einen Moment, bitte!

Wie bereitet man sich als Hörbuchsprecher auf das Einlesen eines Textes vor? Welche Herausforderungen galt es bei den Studioaufnahmen zu überwinden? Was sagt der literarische Text der Interpretin, dem Interpreten persönlich? Wie entstehen die Ideen für Hörspiele? Wenn ein neues spannendes Projekt in der Mache ist, lauern wir unseren Sprechern, Autoren und Regisseuren auf, und bekommen wir sie zu fassen, stellen wir ihnen so viele Fragen wie möglich. Klar, wir wollen Insider-Informationen erhaschen, für einen Moment in die Köpfe der Kreativen gucken. Denn logisch, am Schreibtisch und im Aufnahmestudio, an den Orten, an denen die Hörbücher und Hörspiele entstehen, darf nicht gestört werden, pssst, da herrscht höchste Konzentration!



Ich war immer der Räuber

Ein Interview mit Charly Hübner

Der Schauspieler Charly Hübner spielt in unseren drei neuen Der Räuber Hotzenplotz-Hörspielen die Rolle des Bösewichts mit den sieben Messern und der Pfefferpistole. Nach den Hörspielaufnahmen haben wir ihm Fragen gestellt.

Hörbuch Hamburg: Du bist für zwei Tage in die Rolle von Hotzenplotz, dem beliebtesten Räuber aller Zeiten geschlüpft. Wie war´s?
Charly Hübner: Das war ein wunderbarer Ritt über die Klinge. Also so, glaub ich, fühlt sich ein echtes Räuberleben an. Immer in Gefahr gefangen zu werden oder daneben zu liegen oder einfach aus allen Mustern herauszufliegen (lacht).


Julian Greis als Seppel, Tim Kreuer als Kasperl und Charly Hübner als Räuber Hotzenplotz © Kim Indra Oehne

Hörbuch Hamburg: Warum, glaubst du, ist der Hotzenplotz immer noch so sympathisch wie er vor 50 Jahren schon sympathisch war?
Charly Hübner: Na weil er, das ist ja bei allen ambivalenten Figuren so, auf der einen Seite zeigt, dass er grimmig sein kann. Er ist ja irgendwie auch ganz offenherzig ehrlich gegenüber dem, was er tut. Er beschreibt das ja als Beruf. Also, er geht eigentlich nur einer Arbeit nach. Und wenn man ihn dann zu Hause in der Höhle erlebt oder beim Kochen – oder auch allein diese Vergnüglichkeit –, das ist ja bei den drei Räubern von Tommi Ungerer ähnlich, da nimmt man die gar nicht mehr als das Böse, Grimmige wahr, sondern dass sie eigentlich Gemütsmenschen sind, die vielleicht sogar einen Grund haben Räuber zu sein. Weil´s denen eigentlich nicht gut geht. Weil die in der Gesellschaft keine Arbeit finden, von der sie leben können. Und dann müssen sie sich eben von dem großen Kuchen ihr Teilchen besorgen. Und ich glaube, diese fast unterbewusste Wahrnehmung, dass das vielleicht auch aus einer Not kommt– dem kann man dann nicht böse sein. Also weil er eben kein Killer ist. Wenn er über die Jungs redet, an dem, was er über die Jungs sagt oder wie er mit ihnen spricht, merkt man, dass er Menschen versteht, Menschen erkennt. Und ich glaube, diese Art von Empathie, die dahinter steckt, ist das, was bei uns dann so ankommt.

Hörbuch Hamburg: … und auch bei den Kindern. Hast du selbst als Kind Räuber gespielt?
Charly Hübner: Ja, wir waren nur „Räuber und Gendarm“ oder „Räuber und Ärzte“, und ich war immer der Räuber. Ich hatte einen Hut, ich hatte auch mehrere Messer und Waffen, und wir haben, mein Bruder und ich, ordentlich viele Höhlen gehabt im Wald, also Baumhäuser und Höhlen, sogar eine Erdhöhle, die 1,50 Meter tief war, wo wir unsere Schätze versteckt haben. Wir wollten, glaube ich, schon echte professionelle Räuber werden.

Hörbuch Hamburg: Und wann hast du das Buch zum ersten Mal gelesen?
Charly Hübner: Nie! Ich kenne es nur vom Mithören bei meinem Ziehsohn. Also ich kenn’s eigentlich erst seit neun Jahren. (lacht)

Hörbuch Hamburg: Nenn mir mal drei Hotzenplotz-Requisiten, die du selbst gern besitzen würdest. Jetzt. Heute.
Charly Hübner: Eine Pfefferpistole, glaub ich, ist einfach sehr lustig sie zu besitzen – einfach weil sie ganz ulkig aussieht – und auch so komischen Streupfeffer. Man kann ja auch dann damit Quark oder Kuchen wegschießen. Dann finde ich diesen Hut mit dieser ganz genau beschriebenen Feder – den finde ich sehr gut. Und was man immer gut gebrauchen kann im Leben, ist ein Fernrohr. (Lacht) Um zu gucken, was auf einen zukommt.

Hörbuch Hamburg: Und wenn du jetzt der Räuber wärst, du hättest all die Requisiten, die du dir erwünschst, was würdest du dir denn gerne erräubern, was wären deine favorisierten Beuteideen?
Charly Hübner: Also für den Winter ist es schon mal gut sehr, sehr gute Schuhe zu haben. Man kann im Winter nicht barfuß laufen. Also auch da braucht ein Hotzenplotz, und auch ein Charly, gute Schuhe. So eine Goldkiste, glaub ich, ist auch nicht so verkehrt. Aber was ich mir am allermeisten erbeuten würde, ist natürlich: Bauchspeck und Knoblauch. Weil das könnte ich auch jeden Tag essen. Und zwölf Eier.

Hörbuch Hamburg: … und zwölf Eier dazu. Essen ist ja auch dem Hotzenplotz sehr, sehr wichtig. Was müsste für dich persönlich bei Großmutter auf dem Herd stehen, damit sich ein Überfall lohnt – auch Würstchen und Sauerkraut?
Charly Hübner: Bratwurst und Sauerkraut ist sehr gut. Ich hätte nichts gegen einen guten Kasslerbraten und Sauerkraut. Ich würde Großmutter sogar verzeihen, wenn sie italienisches Wochenende hat und da eine richtig gute Spaghetti-Bolognese steht. Also, das sind so die Favoriten. Aber letzten Endes: Ein echter Räuber aus dem Wald hat immer Hunger, und der isst das, was bei Oma auf dem Tisch steht, weil er weiß, dass die Großmutter sehr, sehr gut kochen kann.

Hörbuch Hamburg: Aber nicht so gut wie er. Kannst du kochen?
Charly Hübner: Ich koche selber sehr viel. Ich hab auch jetzt, als ich mich vorbereitet hab, das mit Knoblauch, Speck und so, was sie im dritten Teil essen, das hab ich dann nach dem Lesen sofort selber gekocht, und es hat sehr gut geschmeckt. (lacht)

Hörbuch Hamburg: Hättest du gerne ein Haustier wie Wasti?
Charly Hübner: Nein, ich würde das in meinem Kopf nicht hinkriegen, dass da wirklich ein Dackel drinstecken soll. Ich würde immer Angst haben vor dem Krokodil. So wie der Räuber Hotzenplotz auch.


Tonmeister Kay Poppe, Regisseur Frank Gustavus, Charly Hübner als Räuber Hotzenplotz, Hedi Kriegeskotte als Großmutter und Till Huster als Wachtmeister Dimpfelmoser © Kim Indra Oehne

Hörbuch Hamburg: Gibt es Charaktereigenschaften, die du mit Hotzenplotz teilst?
Charly Hübner: Ja, ich lache sehr gerne, ich esse sehr gerne, ich bin extrem gerne im Wald. Ich kenne mich in meinem Heimatwald auch so gut aus wie er, ich weiß auch, wo man im Moor langgehen kann und wo nicht. Ähm, also was ich noch nie gemacht habe, ist so viel zu klauen wie er. Ich habe auch nie eine Waffensammlung gehabt. Wo ich auch nicht so gut bin, ist barfuß laufen – da ist er besser als ich. Aber so die ersten Sachen, da sind wir sehr ähnlich. Ich glaub, wenn ich richtig guter Stimmung bin, aus diversen Gründen, dann lach´ ich auch genauso laut wie er. (lacht)

Hörbuch Hamburg: Die Frage meines 6-jährigen Sohnes: Würdest du gern mal in Hotzenplotz´ Höhle übernachten?
Charly Hübner: Unbedingt! Sofort! Würde ich sofort machen. Aber nur durch den Geheimeingang.

Hörbuch Hamburg: Ok. Und kannst du uns mal dein fiesestes Räuberlachen geben?
Charly Hübner lacht ein Hotzenplotz-Lachen!

Hörbuch Hamburg: Hast du eine Lieblingsszene?
Charly Hübner: Es gibt ja so viele tolle Szenen. Die einen am meisten berührt oder die mich auch am meisten berührt hat, ist schon die im dritten Teil, wenn die Jungs dann bei ihm sind und dieses Riesenkawumms-Feuerwerk haben, also wo sie die ganzen Waffen von ihm in die Luft jagen. Und danach, wenn er für sie kocht und (sie) das Lied gemeinsam singen, das ist schon eine tolle Szene. So eine seltsame Annäherung von ehemaligen Gegnern – ganz toll. Aber ich mochte auch sehr im zweiten Teil, am Anfang, wenn er sich als Polizist verkleidet bei der Oma einfindet und erstmal in aller Gemütlichkeit in Omas Wohnung Bratwürste mit Sauerkraut isst und dann sie auch noch mit dem Fahrrad entführt. Das hat Spaß gemacht zu spielen!

Hörbuch Hamburg: Ich hab einen Lieblingssatz, und den sagt Großmutter, das ist: „Was sind das für Zeiten, was ist das für ein Leben, wenn man sich seines Lebens und seiner Bratwürste nicht mehr sicher sein kann.“ Hast du auch einen Lieblingssatz?
Charly Hübner: „Also das riecht ja abscheulich gut!“

Hörbuch Hamburg: Das ist, als er zu ihr kommt …
Charly Hübner: Ja, mit den Bratwürsten und dem Sauerkraut. Dass jemand „abscheulich“ im Sinne von „sehr“ einsetzt, das find ich großartig. (lacht)

Hörbuch Hamburg: Das macht man im Süden.
Charly Hübner: Und im Norden ist „abscheulich“ nur schlecht. Also den find ich richtig gut. Da hab ich mich gefreut beim Lesen.

Hörbuch Hamburg: Eine Schlussfrage hätte ich noch. Was würdest du Hotzenplotz für seine Zukunft als Wirt wünschen?
Charly Hübner: Dass der Ladenläuft! Und in Zeiten wie diesen laufen ja Waldschänken hervorragend. Ich glaube, das wird ein richtig gutes Wirtshaus sein am Ende. Die Großmutter wird Stammgast sein und Frau Schlotterbeck. Dimpfelmoser sowieso – der wird einmal die Woche vorbeigucken. Kasperle und Seppel werden in den Ferien immer helfen.

 

(Die Fragen stellte Petra Deistler-Kaufmann für Silberfisch / Hörbuch Hamburg)

 

Mehr zu den drei neuen Der Räuber Hotzenplotz-Hörspielen finden Sie hier.

Weitere Interviews:

»So was passiert mir bei Hörbüchern selten«Ein Interview mit Julia Nachtmann
Lesen »

»A very valuable lesson for students all over the world«Ein Interview mit Morton Rhue
Lesen »

Diese Lebendigkeit müssen wir mitnehmenEin Interview mit Stefan Kaminski
Lesen »

„Diese Energie, diese Kraft, das hat mich fasziniert.“Ein Interview mit Christian Berkel
Lesen »

„Ich glaube, ich wäre ganz gerne mit Jessica befreundet gewesen“Ein Interview mit Vanessa Loibl
Lesen »