Einen Moment, bitte!

Wie bereitet man sich als Hörbuchsprecher auf das Einlesen eines Textes vor? Welche Herausforderungen galt es bei den Studioaufnahmen zu überwinden? Was sagt der literarische Text der Interpretin, dem Interpreten persönlich? Wie entstehen die Ideen für Hörspiele? Wenn ein neues spannendes Projekt in der Mache ist, lauern wir unseren Sprechern, Autoren und Regisseuren auf, und bekommen wir sie zu fassen, stellen wir ihnen so viele Fragen wie möglich. Klar, wir wollen Insider-Informationen erhaschen, für einen Moment in die Köpfe der Kreativen gucken. Denn logisch, am Schreibtisch und im Aufnahmestudio, an den Orten, an denen die Hörbücher und Hörspiele entstehen, darf nicht gestört werden, pssst, da herrscht höchste Konzentration!



„Das ist einfach gute Poesie“

Ein Interview mit Andreas Steinhöfel

Andreas Steinhöfel hat seinen Lieblingsroman von Otfried Preußler, den Kinderbuchklassiker „Der kleine Wassermann“, als Hörbuch eingelesen. Nach den Aufnahmen haben wir ihm Fragen gestellt.

„Der kleine Wassermann“ ist dein Lieblingsbuch von Otfried Preußler. Kannst du sagen, warum das so ist?

Andreas Steinhöfel: Das ist schwer zu sagen, warum das so ist. Die kleine Hexe war mir immer zu duster und Das kleine Gespenst – das weiß ich noch – das war mir zu harmlos. Und dann blieb Der kleine Wassermann und den fand ich magisch. Mit diesem Teich, dieses grüne Wasser, dieses Gefühl von Schwerelosigkeit, was sich beim Lesen eingestellt hat. Das war genau so eine Figur, wie ich sie einfach gemocht habe. Der Wassermann war rundum stimmig.


Andreas Steinhöfel © Dirk Steinhöfel

Wie alt warst du, als du den „Kleinen Wassermann“ zum ersten Mal gelesen hast oder dir die Geschichte vorgelesen wurde? Hast du Erinnerungen daran?

Andreas Steinhöfel: Ich habe den selber gelesen, da war ich – ich schätze mal – ungefähr acht. Und ich erinnere das sogar noch sehr gut. Also ich wusste ja, wie es sich anfühlt, wenn man schwimmt und ich wusste, wie es sich anfühlt, wenn man taucht. Aber wenn man sozusagen tauchend schwimmt, die ganze Zeit, das hat sich dann durch das Lesen des Buches eingestellt. So ein Gefühl dafür, wie du in ewiger Schwerelosigkeit durch diesen extrem aufregenden Mühlenweiher geschwommen bist. Das war ganz großes Kino.

Hast du eine Lieblings-Episode im Roman?

Andreas Steinhöfel: Meine Lieblingsstelle im Roman ist die, wo der kleine Wassermann hinter dem Schleusentor die Rutsche runterrauscht und dann unten ins Mühlrad knallt. Das war etwas, da hat der kleine Andreas frohlockt, denn das hätte ich mich niemals getraut – ich würde es mich heute noch nicht trauen. Das war so eine superschöne Ersatzhandlung. Ich dachte: »Ja, ja, mach das, mach das! Ich will genau wissen, wie es sich anfühlt. Hauptsache, ich muss es nicht selber machen.« Also das war einfach perfekt. Die Aufregung, dieses »Und dann immer schneller und immer mehr«, wie alle Kinder das wollen – und wenn der Teich dabei trocken gelegt wird. Das war einfach eine supertolle Geschichte: Dass man das Gefühl hat, man ist mittendrin und macht auf jeden Fall mit und steigt da mit in die Rinne und rast dann da runter! Fand ich fantastisch.

Wie fühlt es sich an, den Text 2020 zu lesen?

Andreas Steinhöfel: Ich finde ihn nach wie vor sehr eindringlich, den Text. Ich lass mal die Stellen weg, wo man heute sagen würde: »Ach, muss die arme Mama immer kochen und muss der Wassermann-Papa dem den Hintern versohlen.« Das sind Zeitgeistsachen. Preußler schafft es immer sehr, sehr klug, dass er im Prinzip eine Handlung schildert und dann auf einmal kommt so ein kleiner Teil, wo er lyrisch wird oder poetisch. Dann wird mal beschrieben, wie so eine Alge wabert oder natürlich die Szene mit der Harfe am Weiherrand, wenn der Mond aufgeht. Und das berührt einen nach wie vor. Das ist eben einfach gute Poesie. Das funktioniert immer und ich glaube, das wird auch in hundert Jahren noch funktionieren.

Was hältst du von den Kochkünsten der Wassermannfrau?

Andreas Steinhöfel: Ja, sagen wir mal, die macht viele, viele Dinge, die ich nie probieren würde. Dafür ist es ja auch gedacht, dass du immer so ein bisschen »Iiihh!« und »Ah!« und »Oh!« schreien sollst, wenn du dann diese Fischeier und was weiß ich, irgendwelche Salate mit eingesalzenen Wasserflöhen … Das ist schon clever gemacht. Das sind Kleinigkeiten, aber im wahrsten Sinne des Wortes geben die so einer Geschichte die Würze. Ob das jetzt die Wassermannfrau kocht oder sonst wer, das ist schon ziemlich cool.

Welche Figur hast du am liebsten gelesen?

Andreas Steinhöfel: Also ich fand den Cyprinus schwierig wegen des Geblubbers und dennoch habe ich den am liebsten gelesen. Der hat – mal abgesehen vom kleinen Wassermann – die größte Bandbreite an emotionaler Bewegung. Der regt sich mal auf und dann wird er wieder väterlicher Freund. Mit dem kann man eigentlich am besten arbeiten.

Du hast die Wahl: Welche Fähigkeit hättest du am liebsten? Im Wasser leben zu können? Hexen zu können? Oder des Nachts durch die Luft zu schweben?

Andreas Steinhöfel: Das fällt mir gar nicht schwer und da lass ich den Mühlenweiher hinter mir, indem ich ihm entschwebe. Ich würde auf jeden Fall gerne nachts durch die Gegend fliegen können. Von mir aus auch noch tagsüber. Aber auf jeden Fall finde ich fliegen dann doch viel begehrenswerter als schwimmen zu können. Schwimmen kann ich.

Was ist das Besondere am Geschichtenerzähler Otfried Preußler?

Andreas Steinhöfel: Was mir an Preußler extrem gut gefällt, ist, dass er bekannte Figuren nimmt. Also mit denen Kinder etwas anfangen können: Eine Hexe und ein Gespenst oder eben einen Wassermann. Und dann zeigt er die aber als Kind, also der setzt sie in ihre Lebens- und in ihre Erlebniswelt und lässt den kindlichen Leser daran teilhaben. Das ist so was: Was Fremdes kennenlernen, aber mit den Mitteln oder mit diesem kindlichen Wahrnehmungsvermögen, das dir vertraut ist. Dieser kleine neugierige Wassermann, der immer wieder auch Mist baut, weil er eben vorwitzig ist. Das gefällt mir wahnsinnig gut, weil es das ist, was Kinder machen. Also du erkundest mit ihm die Welt und merkst so: Ey guck mal, anscheinend ist das bei allen Kindern gleich, dass man da eben ein bisschen über die Stränge schlägt und dafür angerüffelt wird. Und das finde ich richtig toll. Also wenn man sich den kleinen Wasserman vorstellt – als kleinen Jungen, ohne Wasser – ist es eine langweilige Geschichte. Aber indem er einfach die Lebenswelt ändert, da wird es auf einmal zu etwas Besonderem. Dann wird Kindheit für den kindlichen Leser wieder zum Abenteuer. Das finde ich sehr, sehr schön.

(Die Fragen stellte Petra Deistler-Kaufmann für Silberfisch / Hörbuch Hamburg)

Weitere Informationen zur ungekürzten Lesung mit Andreas Steinhöfel von Otfried Preußlers Der kleine Wassermann finden Sie hier.

 

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